Den belgischen Philosophen und Theologen Jean-Pierre Wils tröstet - wie viele – Musik, gerade auch in diesen Tagen, in denen sich Corona-Zeit und Karwoche überlagern. Sie können hier zwar keine Musik hören, aber eine kluge Beobachtung dazu lesen. VS

„Die Musik ist schon darum der beste Trost, weil sie nicht neue Worte macht. Selbst wenn sie zu Worten gesetzt ist, überwiegt ihre eigene Magie und löscht die Gefahr der Worte. Am reinsten ist sie aber doch, wenn sie für sich spielt. Man glaubt ihr unbedingt, denn ihre Versicherung ist eine der Gefühle. Ihr Ablauf ist freier als alles, was sonst menschenmöglich scheint, und in dieser Freiheit liegt die Erlösung. Je dichter bewohnt die Erde wird und je maschinenmäßiger die Gestaltung des Lebens, um so unentbehrlicher muss die Musik werden. Es wird eine Zeit kommen, in der man nur noch durch sie den engen Maschen der Funktionen entschlüpfen wird, und sie als ein mächtiges und unbeeinflusstes Reservoir der Freiheit zu belassen, muss als die wichtigste Aufgabe des künftigen Geisteslebens gelten. Die Musik ist die wahrhafte lebende Geschichte der Menschheit, von der wir sonst nur tote Teile haben. Man braucht aus ihr nicht zu schöpfen, denn sie ist immer schon in uns da, und es genügt, schlicht zu hören, da man sonst vergeblich lernt.“ (1942)

Elias Canetti
Die Provinz des Menschen. Aufzeichnungen 1942-1972, München 1973, 28f