Nachdenklich macht den Hauptpastor Jens-Martin Kruse die Statue von Dietrich Bonhoeffer, die in der Nähe seiner Kirche St. Petri in Hamburg steht. Der Vertreter der Bekennenden Kirche wurde am 9. April 1945 in Flossenbürg ermordet. Sein Gedicht Von guten Mächten wunderbar geborgen tröstet noch heute. VS

Mitten in Hamburg auf dem Weg vom Hauptbahnhof zum Rathaus, vor der Hauptkirche St. Petri steht eine Statue von Dietrich Bonhoeffer. Morgens, wenn ich zur Kirche komme, schaue ich gern bei ihm vorbei. Bonhoeffers Glaubenszeugnis bedeutet mir viel. Hellsichtig hatte er bereits Anfang 1933 vor den Verbrechen der Nationalsozialisten gewarnt. Er hielt die Augen offen für das Unrecht, das um ihn herum geschah, ließ sich den Mund nicht verbieten und versuchte mutig, dem Rad in die Speichen zu fallen. Bonhoeffer ist nur 39 Jahre alt geworden. Vor 75 Jahren, am 9. April 1945 wurde er im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet. In diesen Tagen, die aufgrund der Corana-Pandemie durch viele Sorgen, Verunsicherung und Ungewissheit bestimmt sind, ist mir Dietrich Bonhoeffer ein besonders lieber und geschätzter Gesprächspartner über Glaube und Zweifel, über Anfechtung und Gottvertrauen.

An der Statue vor der Petrikirche, die der Künstler Fritz Fleer geschaffen hat, faszinieren mich vor allem die Hände Bonhoeffers. Sie sind über die Brust gekreuzt, gebunden und dennoch: eine Hand ist zur Faust geballt, die anderen mit drei gespreizten Fingern wie zum Segen leicht geöffnet. So als wollte Bonhoeffer uns sagen, wofür die Kirche steht und welche Haltungen es in diesen Tagen braucht: Widerstand und Gottvertrauen. „Widerstand und Ergebung“. Beides gehört für Bonhoeffer zusammen. Beides prägte sein Leben.

Das Wort „Ergebung“ klingt in unseren Ohren nach Aufgeben, nach Kapitulieren. Doch für Bonhoeffer meint dieses Wort etwas anderes, nämlich: sich hinzugeben, sich zu öffnen für das Handeln Gottes und sich ganz seinem Willen anzuvertrauen, auch wenn alles dagegen zu sprechen scheint, dass wir von Gott behütet und getragen werden.

So erleben wir es gerade. Die Fakten und Tatsachen unserer Welt sprechen eine eindeutige Sprache und versetzen uns in Angst und Schrecken. Bonhoeffer übersieht diese Wirklichkeit nicht. Er weiß, dass „uns böser Tage schwere Last“ oft niederdrückt. Und er wusste, dass für ihn nicht alles am Schluss gut wird. Täglich musste er im Gefängnis mit seiner Hinrichtung rechnen.

Dennoch lässt Bonhoeffer sich von dieser Wirklichkeit nicht das Vertrauen auf Gottes behütendes und bewahrendes Handeln in dieser Welt rauben. Er ist erfüllt von der Gewissheit, dass – wer zur Gemeinde Jesu Christi gehört -, niemals allein ist, sondern in eine weite unsichtbare Welt des Glaubens, Liebens und Hoffens, in die Gemeinschaft der Heiligen, hineingestellt ist, die uns hilft, das Leben in guten und bösen Tagen zu gestalten. Das entdecken wir in diesen Zeiten gerade neu, wo wir nicht in unseren Kirchen zusammenkommen dürfen und doch miteinander im Glauben verbunden Gottesdienste feiern.

Das Gehaltensein im Glauben trotz existentieller Bedrängnis prägt in eindrücklicher und bewegender Weise ein kleines, leises Gedicht, das Bonhoeffer an Weihnachten 1944 für seine Verlobte Maria von Wedemeyer geschrieben hat: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Ein solcher Glaube ist uns nicht in jeder Lebenslage gegeben. Wir können ihn uns bei Bedarf auch nicht einfach zulegen wie einen neuen Mantel. Aber wir können uns dafür öffnen. Das Gedicht Bonhoeffers, das nach seinem Tod mit einer Melodie versehen wurde, findet sich als Lied in unseren Gesangbüchern (EG 65, GL 430). Es lohnt sich, es mal wieder aufzuschlagen. Denn wo wir Bonhoeffers Lied singen oder sprechen, da wird seine Botschaft erfahrbar und wachsen wir hinein in die Gewissheit, dass auch wir von Gottes guten Mächten wunderbar geborgen sind und darum zuversichtlich und tatkräftig all das tun können, was in diesen Zeiten dem Leben dient.