Der Theologe Hans-Joachim Sander findet in Bill Withers „Lean on me“ – der Song des unlängst verstorbenen Sängers ist in Zeiten von Corona zur Hymne der Ärzt*innen und des Pflegepersonals geworden –
die entscheidende Pointe für den Zusammenhang von Trauer und Trost. SL

Was für Zeiten! Sehr viel von dem, was uns selbstverständlich schien, erweist sich mit einem Mal als prekäre Problemzone. Und dort stoppt es nicht – die normale Existenz ist unmöglich geworden. Für sich sorgen, bedeutet bei jeder Gelegenheit Hände waschen. Sich mit anderen solidarisieren, sich ihnen nicht zumuten. Zur Arbeit gehen, zu Hause bleiben. Vor ein paar Wochen ausgelassen gefeiert zu haben, fortlaufend im eigenen Körper nach Symptomen schielen. Sich um einen Nächsten kümmern, auf Distanz gehen. Zur Kirche gehen, den PC anschalten. Politik machen, Milliarden einvernehmlich ausgeben. Regieren, eine Bevölkerung zur Disziplin mahnen. Jemand beerdigen, es so klein wie möglich halten. Jemand vermissen, bloß nicht nachtrauern.

Ab hier wird es besonders bedrängend. Ausgerechnet das, was uns in traurigen Momenten des Lebens hilft, lässt man besser sein: sich an jemanden anlehnen. Es könnte sein, dass man sonst die Person infiziert oder sich selbst über sie infiziert. Daher sind wir selbst bei denen, mit denen wir unmittelbar leben, vorsichtig und gehen auf Abstand. Was für eine verkehrte Welt.

Es scheint außer Kraft gesetzt, was uns gut tut, wenn das Leben schwer geht. Bill Withers, der mehrere Songs für die Ewigkeit schuf und vor ein paar Tagen in Los Angeles starb, hat es besungen:

“Sometimes in our lives
We all have pain
We all have sorrow
But if we are wise
We know that there’s
Always tomorrow
Lean on me
When you’re not strong
I’ll be your friend
I’ll help you carry on”
Er nannte einen guten Grund, sich so anzubieten:
„For it won’t be long
Till I’m gonna need
Somebody to lean on”

Als jetzt die Nachricht von Withers Tod kam, hieß es in Nachrufen, sein “Lean on me” sei bei Pflegepersonal der Pandemie-Patient*innen zu einer Art Hymne geworden. Wenn wir traurig sind, vermissen wir am meisten, was unmöglich geworden ist. Das beschränkt sich nicht auf das, was nicht mehr möglich ist. Es geht besonders auch um das, was unmöglich mit einem Ausrufezeichen ist. Soziale Distanzierung ist unvermeidlich und sie macht unmöglich, sich an jemand anzulehnen. Welcher Mensch kann jetzt guten Gewissens vorschlagen: Lean on me? Im Namen welchen Gottes lässt es sich propagieren, ohne dass Religion sofort zur sozialen Gefahr wird? Kein Mensch kann es jetzt als Mittel gegen Trauer vorschlagen und mit keinem Gott darf es eingefordert werden.

Aber vielleicht gibt es einen Ausweg. Er entsteht aus einem merkwürdigen Zusammenhang, der auf den ersten Blick hin widersprüchlich ist. Trauer und Trost hängen zusammen, aber nicht nur so, dass wer trauert, sich nach Trost sehnt. Sie sind nicht einfach nur binär codiert, so dass das eine das andere als sein Gegenteil erfährt. Beide sind zugleich komplexer verbunden. Sie sind relativiert, so dass das eine vom anderen in eine Verbindung gebracht werden kann, die sich gravierend für einen Menschen auswirkt, der traurig ist. Wer trauert, kann getröstet werden durch die Trauer, der sie oder er nicht ausweicht. Das gilt für den existentiellen Singular und für den sozialen Plural. Denn wer trauert und darin getröstet wird, wird sich mit denen solidarisieren, die traurig sind. Darum ist eine Trauer so wichtig, an der andere anteilnehmen können. Um erneut Withers zu zitieren:

“For no one can fill
Those of your needs
That you won’t let show”

Das ist aber nicht selbstverständlich. Wer will schon die eigene Ohnmacht zeigen, wenn uns etwas niederschlägt, das wir nicht vermeiden konnten? Sie wird dann doch nur größer. Es hat daher etwas von jenem Unmöglichen, welches die Sehnsucht danach ausdrückt, was sich klar verbietet. Auf dieses Unmögliche darf uns kein Mensch nageln und auch kein Gott.

Also doch wieder kein Ausblick für dann, wenn wir traurig sind? Der Ausblick kann nicht aktiviert werden, aber er kann erfahren werden im Modus des Passivs. Wer trauert, wird passiv. In diesem Passiv steckt das Leiden, nicht aktiv sein zu können oder mit keiner Aktivität die Leere zu füllen, die sich breit macht. An diesem Punkt des leidenden Passivs, das nicht zu aktivieren ist, ohne Menschen noch weiter in die Ohnmacht zu schicken, und das nicht mit Aktionismus zu lösen ist, ohne die Leere noch mehr zu vergrößern, bringt sich Gott ein. Er bringt sich weder aktiv ein noch mit verschärfender Macht. Er bringt sich passiv ein, was aber das aktiviert, was Withers Lean on me beschreibt. Leiden wird geteilt, aber nicht aufgeteilt, so dass etwas wächst, was über es hinausweist. Das ist der Trost. In der Bergpredigt Jesu wird es gepriesen: „Selig die Trauernden, sie werden getröstet werden.“

Das Passiv in dem ‚werden getröstet werden‘ ist eine Fundstelle Gottes, ohne dass er benannt werden kann oder verkündet werden muss. Die Sprachform dabei nennt man passivum divinum. Die Sache, um die es geht, ist die Macht, die in der Ohnmacht das Passiv so teilt, dass aus der Ohnmacht eine widerständige Macht wird gegen die Trauer, die sich ausbreitet und knechtet – diese Macht ist ein merkwürdiger, aber Not wendender Ort Gottes. In der Pandemie dieser Zeit breitet sich die Trauer aus und es verdichtet sich zugleich diese Fundstelle.