Dem Hamburger Literaturhaus-Leiter Rainer Moritz kam beim Kramen eine kleine Geschichte unter. Sie zeigt, wie tröstlich Dinge sein können, die die Gegenwart von geliebten, geschätzten Menschen heraufbeschwören.


Anfang der 1980er-Jahre war Gabriele Wohmann eine bekannte Autorin. Nach einer ihrer Lesungen in Tübingen bekam sie die unumgängliche Frage „Warum schreiben Sie?“ gestellt. Als ich mich später mit einem Germanistikdozenten darüber unterhielt, beschied er mir in seiner trockenen Art: „Die schreiben alle, damit was von ihnen bleibt.“


Seitdem geht diese Frage mit mir um, je älter ich werde, umso häufiger. Warum treibt es einen an, darüber nachzudenken? Weil es so schwer zu ertragen ist, dass nach unserem Tod allemal ein paar Fotos, Erinnerungsstücke und manchmal nicht mal ein Grabstein von uns bleibt? Die meisten von uns wollen nicht einfach sang- und klanglos verschwinden. Wir sehnen uns danach, zumindest eine Zeit lang nicht vergessen zu werden, pflanzen Bäume, setzen Kinder in die Welt, machen Karrieren, damit wir in Firmenannalen erwähnt werden, gründen – wenn wir genügend Geld haben – Stiftungen oder spenden der Gemeinde einen Betrag, der ausreicht, damit auf einer Parkbank unser Name eingraviert wird. Oder wir schreiben Bücher, die in Bibliotheken oder Antiquariaten verstauben mögen, aber doch unseren Namen tragen. Ist es ein Trost, sich vorzustellen, dass sich irgendwann jemand an uns erinnert und so den Satz bekräftigt, dass man erst wirklich tot sei, wenn niemand mehr an einen denke?


Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich durch meine Wohnung gehe und den Blick über die Dinge schweifen lassen, die mir etwas bedeuten. Der Stifteköcher zum Beispiel, den mir eine Rottweiler Studienkollegin geschenkt hat, das Plakat einer Kunstausstellung aus Antibes, gekauft, als ich als 18-Jähriger mit zwei Freunden quer durch Frankreich fuhr, die Eintrittskarte zu einem unvergesslichen Fußballspiel, die zerschlissene Windjacke, die ich vor zwanzig Jahren in Wien kaufte und die auf keinen Fall im Altkleiderstoß landen soll …


An diesen Dingen hängt nicht mein Leben, aber ich hänge an ihnen, weil sie von meinem Leben erzählen. Oder besser: mir etwas von meinem Leben erzählen. Denn andere wissen oft nicht, welche Geschichten sich hinter der alten Jacke oder dem Stifteköcher verbergen, und deshalb werden sie nach meinem Tod damit wenig anfangen können. Damit versuche ich zurechtzukommen. Und habe deshalb von meinem Vater eine Handvoll Dinge aufbewahrt, die ihm wichtig waren, seine Omega-Uhr beispielsweise, die er jahrzehntelang trug und abends an den immergleichen Platz legte. Ihr materieller Wert ist gering, das Lederarmband vom Schweiß durchtränkt, doch sie bleibt unweigerlich mit ihm verbunden und so mit dem, was mich mit meinem Vater verband. Er hat kein Haus gebaut, keine Bäume gepflanzt, aber er hat drei Kinder gezeugt, sie geliebt und sie beim Erwachsenwerden begleitet. Diese Kinder werden sich noch eine Weile an ihn erinnern, vager im Lauf der Jahre, doch nicht mit weniger Emotion. Das bleibt von ihm, für mich. Und das ist tröstlich.