Eine neutestamentliche Besichtigung

Angesichts des Popularitätszuwachses, den das Wort „Hausstand“ in den letzten Wochen erfahren hat, verdeutlicht der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding das dialektische Verhältnis des Christentums zum Haus. SL

„Hausstand“ gehört zu den Leitbegriffen der Pandemie-Strategie. Das Kontaktverbot gilt hier nicht. Im eigenen Hausstand dürfen mehr als 2 Menschen zusammensein und näher als 1,5 Meter zusammenstehen.

Das Wort stammt aus dem Steuerrecht. Aber es gewinnt jetzt eine neue Bedeutung: Die Familie gehört zum Hausstand, der Haushalt, die Haustiere. Ist der Hausstand in Corona-Zeiten ein Gefängnis? Ein Asyl? Eine Oase? Wie kann er zu einer Trostbrücke werden?

Jesus und die Urkirche haben zum Haus ein dialektisches Verhältnis. Einerseits brechen sie die traditionellen Strukturen auf: Wer Jesus nachfolgt, verlässt das eigene Haus. In der Antike bestimmte es über alles: über Status und Beruf, Heirat und Religion. Mit der Freiheit des Glaubens ist diese Dominanz nicht zu vereinbaren. Deshalb ist das Neue Testament von Konfliktgeschichten durchzogen, die den Aufbruch ins Weite anzeigen.

Andererseits gibt es auch das Wiederfinden der Familie, die Christianisierung des Hauses, die Erfüllung der alltäglichen Lebenssphäre mit dem Geist des Evangeliums – von der ehelichen Treue über die Sorge für Kinder bis zum verantwortlichen Umgang mit Geld und Besitz, vom gemeinsamen Gebet bis zur Gastfreundschaft und zur Solidarität mit den Armen.

Diese Dialektik inspiriert. Dem Christentum tut eine Neuentdeckung des Hausstandes, der Hausfrömmigkeit, der Hauskirche gut. Sie dient der spirituellen Demokratisierung. Wer mag, kann sich Fernseh- und Internet-Gottesdienste ins Haus holen. Aber der Hausstand ist selbst ein Vorort des Glaubens. Jetzt ist die Zeit, ihn neu zu entdecken. Die Digitalisierung hilft, die Hausbibel, das Gebetbuch, die Kirchenzeitung. Eigeninitiative ist gefragt. Warum nicht mit den Enkelkindern per Telefon beten? Warum nicht Briefe schreiben, analog und elektronisch? Warum nicht feste Zeiten der gemeinsamen Information, des gemeinsamen Gesprächs, des gemeinsamen Lernens vereinbaren und einhalten?

Wer unruhig ist, braucht Rückzugsorte. Wer einsam ist, braucht Kontakte. Wer zuhause bleibt, braucht nicht isoliert zu sein. Der eigene Hausstand wird für gar nicht so wenige eine Überforderung oder eine Versuchung sein, die sich in Streit und Gewalt entlädt. Er kann aber auch eine Quelle der Umkehr und Erneuerung, der Besinnung und Konzentration werden – wie es der Erste Petrusbrief will: „Baut euch als lebendige Steine zu einem Haus des Geistes auf“ (1 Petr 2,5).