Stefan Kraus liest als Kunsthistoriker, der Alt und Neu mit einander in aufschlussreiche Kombinationen zu bringen weiß, die Zeichen unserer Zeit mit großer Sensibilität, gerade auch für deren politische Dimension. VS

Ich denke sehr in Bildern. Den Ort der Aufnahme will ich in diesem Fall nicht verraten, er könnte überall sein. Es ist diese austauschbare Tristesse einer Industrieanlage, eines Fabrikgeländes, ein „Lost-Place” wie wir ihn an den Rändern der Städte überall finden könnten. Und dann diese klar und präzise gesetzte Aussage: „MAKE DEMOCRACY GREAT AGAIN“. Hier wird die visuelle Einöde mit der visionären Kraft einer politischen Idee konfrontiert. Vielleicht bedingt sich beides? Die Aussage erscheint an diesem Ort so offiziell, wie die Losungen zur Erreichung der Produktionsvorgaben in sozialistischen Staaten. Das hat mich sehr berührt! Der Autor dieser Wandbeschriftung („Grafitti” erscheint mir in diesem Fall der falsche Begriff zu sein…) benutzt eine Textvorlage, deren Beschränktheit durch Corona so überdeutlich wird. Das Virus setzt sich allen Maßnahmen zum Trotz über alle Landesgrenzen hinweg, es betrifft alle ohne Unterschied. Und niemand weiß zu sagen, welche Entwicklung die kommenden Wochen nehmen werden. Wir leben in einer wirtschaftlich extrem vernetzten, in einer einzigen Welt. Vielleicht ist das meine Hoffnung: Dass diese Erkenntnis nun allen zuteil wird und die Globalisierung endlich auch im Hinblick auf soziale, kulturelle, spirituelle und ökologische Fragen (die nicht voneinander zu trennen sind) Fortschritte machen wird. Dass die Demokratie sich als einzige Verfassung, in der die Macht vom Volk ausgeht, gegenüber der alten Politik meist machtbesessener Männer durchsetzen wird, weil sie sich in Zeiten der Krise bewährt. Ich denke, es liegt auch an uns Kulturschaffenden, dafür einzutreten, dass wir mit Nationalismen nicht weiterkommen, wenn Barmherzigkeit und Fürsorge jedem Menschen zuteil werden soll. Die Kunst war immer schon grenzenlos und international. 

Mein zweites Hoffnungszeichen ist ein akustisches. Ich lasse es ganz ohne Kommentar, außer dem Hinweis, dass der Titel des Stücks schon sehr beziehungsreich ist: 

Branford Marsalis / Joe Calderazzo 

Album: Songs Of Mirth And Melancholy 

Titel 5: Endymion (6:03) 

Ich höre es sehr gerne, es baut mich auf.