Die Impressionen der Lübecker Dompastorin Margrit Wegner aus den ersten Tagen nach dem Shutdown ermutigen dazu, in allem Abbruch und (vorläufigem) Ende von Liebgewonnenen auch das Neue zu sehen, das vielerorts zu wachsen beginnt. SL

Was für ein Tag. So viele Nachrichten, so viel Aufregung, so viel zu organisieren. Noch vor einer Woche ging das Leben seinen Gang, aber nun ist alles anders. Tag drei der „Corona-Ferien“, zwei Vollzeitstellen und ein Vollzeitkinderglück gehen nur mittelgut zusammen. Trauerfeiern werden auf unbestimmte Zeit verschoben. Eltern von Taufkindern suchen nach neuen Terminen. Brautpaare sagen schweren Herzens das lang geplante Fest ab. Niemand kann sagen, was noch auf uns zukommt. So viele Gedanken im Kopf. So ein innerer Lärm. Und zugleich diese Stille. Die Stille im Dom. Die ungewöhnliche Ruhe im Gemeindehaus. Keine Konfis mit ihrem Lachen. Keine Chöre mit ihren Klängen. So viel Sehnsucht nach Normalität. 

Und dann, mittendrin: das erste grüne Blatt am Baum. „Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr‘s denn nicht?“ So sagt es Gott beim Propheten Jesaja (Kapitel 43, Vers 19). Ein Innehalten. Ich staune, was da wächst in dieser Zeit. Was plötzlich möglich ist. Immer um 18 Uhr, wenn die Kirchenglocken läuten, stellen Menschen Kerzen ins Fenster und sind verbunden im Gebet. In der Nachbarschaft singen wir jeden Abend um 19 Uhr „Der Mond ist aufgegangen“, und die Kinder winken – manche schon im Schlafanzug – aus den Fenster fröhlich gute Nacht. Wir drehen YouTube-Filme im Dom. Verschicken Andachten per Post. Die Jugendlichen vom Jungen Dom und die Konfirmandinnen und Konfirmanden übernehmen die Aufgaben der Domwache und sorgen dafür, dass die Kirche geöffnet bleiben kann. Kinder und Jugendliche schreiben Hoffnungssätze mit Kreide auf die Straße vor ihrem Haus. Nachbarn sind füreinander da, und die wenigen Menschen auf der Straße grüßen auch Fremde so freundlich. Mich erfüllt das bei aller Sorge mit ganz großer Freude. Und ich ahne: Da wächst ein Stück Kirche von morgen. Gott hat offenbar eine Menge mit uns vor. Jetzt wächst es auf. Machen wir mit!