Johannes Blum, seines Zeichens Dramaturg, beobachtet die gesellschaftlichen und persönlichen Veränderungen in der Corona-Zeit mit Sorge, aber auch mit Hoffnung. „Glauben“ interpretiert er in unserem Mailverkehr in einem weiten Sinn, als transzendentes Moment. VS 

Trost wird da gespendet oder erhofft oder herbeigefleht, wo vernünftigerweise keine Aussicht darauf besteht. Insofern ist Trost ein transzendenter Fluchtpunkt der Rettung. Ursprünglich ein Begriff aus dem Recht: es geht um das Trauen, das Treusein.  

Im christlichen Kontext und durch die Bedeutungserweiterung von Trost in der Überlieferung der antiken consolatio, einer philosophischen Disziplin, die sich mit der Kunst des Lebens und Sterbens befasst, wurde der Begriff ins Ethische gehoben, in die Welt des Glaubens. Der Glaube gibt Festigkeit, Sicherheit, und der, der nicht bei Trost ist, hat auch keinen Trost zu erwarten in Zeiten von Unbill, Widrigkeit, Krieg. Derjenige ohne Glauben, woher auch immer der einzelne ihn nimmt oder er ihm begegnet, ist nicht tröstungsfähig. 

Die Coronakrise und die Isolation belastet: Beziehungen zwischen Partnern eskalieren bis hin zur Gewalt, Spannungen in Familien nehmen zu, gepaart mit der Angst vor gesundheitlichen Folgen und der Angst vor wirtschaftlichen Engpässen rechnet man schon mit gesellschaftlichem Kollaps der kommunikativen Verabredungen. 

Es geschehen eigenartige Dinge unter den Menschen: auf der Straße bewegen sich die Menschen, die sich begegnen, voneinander weg, bei einigen gibt es jedoch einen Blick, der sonst nicht stattgefunden hätte. Alle scheinen ganz genau zu wissen und wahrzunehmen, dass jemand entgegenkommt, wo zu normalen Zeiten man nicht hätte sagen können, ob da überhaupt oder wieviele ungefähr es waren. Erstaunlich, wie nonverbales Umgehen funktioniert (Abstand halten) und nicht funktioniert: jemand stellt sich wie selbstverständlich in den Raum zwischen 2 Menschen an der Supermarktkasse. Begegnungen werden besonders, auch weil es viele nicht mehr geben kann. Man vermisst sich, man sehnt sich nach dem ersten Besuch im Stammcafé, dem Lieblingsrestaurant, dem Lieblingsladen. Man schätzt die abwesenden Dinge auf ganz neue Weise. 

Vieles wird in gutem Sinne fragwürdig – des Fragens würdig. Des Nachfragens: warum ist dieses oder jenes so, wieso habe ich darüber nie nachgedacht, das wussten wir ja alles nicht. Damit verbunden, und mit der neuen Sensibilität versehen, macht sich eines breit: wenn das alles vorbei ist, müssen wir das und jenes und dieses endlich ändern: Das Gesundheitssystem (alle Privatisierungen weg), wirklich spürbar höhere Gehälter für Pflegeberufe, endlich mal über Europa nachdenken (dieses Europa funktioniert in der Krise gar nicht, wie soll es denn überhaupt aussehen, gibt es da grundsätzlich einen Konstruktionsfehler?), müssen wir alle wirklich so viel fliegen oder Fleisch essen oder Urlaub machen (das klare Wasser in Venedigs Kanälen war ein geradezu schmerzhaft-schöner Anblick), was ist mit den Geflüchteten auf Lesbos (sie werden vergessen, und die Verantwortlich haben es solange rausgeschoben, bis Corona alles überwölbt hat) – jeder macht sich dabei eigene Gedanken aufgrund der eigenen Erfahrungen.  

Ist das nicht tröstlich? Menschen rücken einem näher, gerade weil man ihnen nicht mehr begegnen darf. Wie viele Telefongespräche werden momentan geführt zwischen Menschen, die so lange nicht mehr gesprochen haben, wie tief sind manche Gespräche! Wie sehr vermisst man Menschen, gerade weil man sie nicht mehr sehen darf. Und nicht weil man gerade keine Lust hat. Die Gewissheit, dass nichts so ist, wie es zu sein scheint, nichts unveränderbar ist, nimmt immer mehr Raum ein, weil die Situation uns allen absolut unbekannt ist. Und alle wissen das. Dass es dem anderen auch so geht. Das lässt hoffentlich auch, wenn wir uns wiedersehen, nicht nach. Wie intensiv wird hoffentlich nachdrücklich nachgedacht werden später, und hoffentlich werden Forderungen laut nach Maßnahmen in der Gesellschaft, deren Umsetzung man bisher einfach so unter den Tisch fallen hat fallen lassen und sie dort vergessen hat, weil man nicht noch mal runtergeschaut hat. Das ist ein Trost. 

Man hat das Gefühl, dass für Spielchen keine Zeit ist, es geht um etwas, es geht um die Fähigkeit, in dieser Krise menschlich richtig zu reagieren und navigieren. Was die, die nicht mehr bei Trost sind, vermissen lassen. Sie machen sich in der Krise gut erkennbar: Politiker, Staatschefs, Verantwortliche in der Wirtschaft, Privatideologen, die Dinge tun und sagen, die offensichtlich falsch sind, die schiefe, unangebrachte Wortbeiträge absondern, die eitel und nicht adäquat reagieren. Egoistisch und offen „absolutistisch“ handeln Trump, Putin, Orban, Bolsonaro etc. Sie versagen in ungeahnt offensichtlicher Weise jetzt, wie sie es bisher auch schon getan haben. Es ist zu hoffen, dass die Bürger ihnen gegenüber entschlossen reagieren, und dass wir unsere Regierung(en) dazu bringen, ohne kleinliche Absicherung im Hintergrund stark und deutlich ihre Stimme zu erheben gegen das, was man einfach nicht sagen oder tun kann.