Gedanken anlässlich eines unauffälligen Engels 

Es scheint so, als entfalte sich dieser Tage weniger ein Engelsflügel (so die Überschrift des Plakats) als die Ungeduld, wieder zu einem normalen Alltagsleben zurückzukehren. Wenn jetzt erste Schritte in diese Richtung unternommen werden können, müssen sie wohl dosiert und kontrolliert geschehen. Wir brauchen Engelsgeduld: kein Mensch kann sagen, für wie lange wir mit welchen Einschränkungen leben müssen. 

Engelsflügel, die sich entfalten? Diese hier kleben in einer schmutzigen Nische der Mauer am Rhein in Düsseldorf. Dieser Engel lässt sich wie nebenbei finden im Grau einer Großstadt. Mit seinen sehr weißen Flügeln steht er vor einer weiteren Mauer und hält sich mit einer Hand das Haar aus der Stirn. Die andere Hand umfasst etwas oder hebt zu einer Geste an, die nicht richtig erkennbar ist. Er – oder sie– schaut nach unten. Oder nach innen. Was sieht sie? Nicht, dass sie Blessuren hat, nicht, dass an ihr gerissen wurde. Davon ist die Engelsfigur unbeeindruckt, sie ist einfach da. Und lässt sich sehen. 

Im Beschwerlichen und Trostlosen der Corona-Zeit gab und gibt es zahlreiche Engel, die da waren und sind, allen voran die Menschen in den Krankenhäusern, Altenheimen, Supermärkten, Polizeistationen und so fort.  

Zu denken ist aber auch an die wichtigste Engel-Eigenschaft, nämlich Boten zu sein. Alle, die sich darum bemühen, dass Austausch und Kontakt zwischen Menschen erhalten bleiben, dass aus Alleinsein nicht Einsamkeit wird, alle, die Verbundenheit mit anderen zeigen und dazu erfinderisch ihre Möglichkeiten ausprobieren, sind „Engel“. 

Den angeklebten Engel sehe ich als ein Zeichen der Hoffnung. Er trumpft nicht auf, sondern steht still beiseite. Aber er ist mit seiner Anmut und so auch mit seiner Widerständigkeit gegen das, was ihn umgibt, im Alltag zu entdecken. 

Für Gläubige kann er auf einen Psalm verweisen, mit dem Gott angesprochen wird: 

Ps 57 Denn auf dich traut meine Seele, und unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht, bis das Unglück vorübergehe.