Fulbert Steffensky erzählt von der trostlosen Zeit nach dem Tod seiner ersten Frau Dorothee Sölle und er erzählt von seinen Freunden, die trösteten, indem sie den Schmerz ehrten: „Einen Menschen trösten heißt ihn bedürftig sein zu lassen; ihn weinen zu lassen; ihn kleiner sein zu lassen, als er ist.“ Welch‘ wunderbare Erkenntnis! SL

Ich erzähle von einer Zeit meines Lebens, die trostlos war und in der ich am meisten Trost erfahren habe. Ich erzähle von der Zeit nach dem Tod meiner Frau. Nicht getröstet hat mich, wenn jemand versuchte, meinen Schmerz zu mindern. „Das Leben geht weiter“, haben mir wohlmeinende Leute gesagt und: „Die Zeit heilt alle Wunden.“ Es gibt abstrakte Richtigkeiten, die zugleich konkrete Falschheiten sind. Das Leben ging eben nicht weiter. Nie mehr habe ich ihre Hand gehalten, nicht mehr mit ihr geredet und gestritten, nie mehr mit ihr Wein getrunken. Das Leben ging nicht weiter und den Schmerz darüber konnte mir niemand ausreden, auch nicht mit einem religiösen Satz. Die Sätze des Glaubens haben nichts vom Schmerz genommen – Gott sei Dank. Sonst wären sie nichts als Vertröstungen. Aber es gab viele Arten des Trostes, die den Schmerz ernst genommen und ihn nicht gemindert haben.  
 
 

Den tiefsten Trost aus jener Zeit will ich nennen, es waren Freunde und Freundinnen, die mich oft besuchten und die den Schmerz ehrten. Sie haben keine tröstenden Worte gefunden, sie waren da und sie haben sich von meinem Unglück nicht vertreiben lassen. Das Unglück vertreibt ja oft die Freunde und trostlos macht einen ja nicht nur, was man erlitten hat. Trostlos macht uns die Einsamkeit, weil Menschen in der eigenen Selbstverständlichkeit des Lebens so wenig die Weltuntergänge der anderen ertragen. Meine Freunde sind geblieben, sie haben mir den Schmerz gelassen. Wir haben über die Tote gesprochen, die Lieder gesungen, die sie mochte, und ihre Texte gelesen. Die Trauer wurde nicht gemildert, aber geteilt. Der Trost der Freunde war ihre Anwesenheit, keine klugen Worte und kein Versuch, mich aus meinem Abgrund zu retten. Sie waren übrigens nicht nur für mich da, sie waren auch da als sie selber, mit ihrer Arbeit, von der sie erzählten, mit ihren eigenen Sorgen und mit ihrem Glück. Sie waren auch als Hungrige da, ich musste sie füttern, und später habe ich meinen „verfressenen Tröstern“ ein Buch gewidmet. Sie haben mich nicht eingeschlossen lassen in einem Trauernarzissmus, in dem man nicht mehr wahrnehmen kann als sich selber im eigenen Unglück. Indem sie mit sich selber da waren, nicht nur für mich, haben sie mir gezeigt, dass es noch etwas anderes gibt als mein eigenes Unglück. Sie haben mich langsam in die Welt zurückgeführt, in die ich eigentlich nicht mehr wollte.  
 
 

Der erste Impuls, nachdem einem eine grosse Lebenswunde geschlagen wurde, ist ja – vielleicht gerade bei uns Männern – die Flucht in die Einsamkeit. „Wie’s da drin aussieht, geht niemand was an.“ Es ist eine schwer auszurottende Trostlosigkeit, es ist der Versuch, auch im Unglück Meister unserer selbst zu sein und nach außen zu tun, als sei nichts geschehen. Das große Unglück macht einen klein und bedürftig. Sich selber dem Trost nicht entziehen heißt auch sich einzugestehen, dass man mit sich allein nicht fertig wird.  Man ist angewiesen. Diese Bedürftigkeit ist vielleicht die größte Kunst, die man lernen kann. In den wichtigsten Dingen des Lebens ist man nicht sein eigener Meister. Einen Menschen trösten heißt ihn bedürftig sein zu lassen; ihn weinen zu lassen; ihn kleiner sein zu lassen, als er ist. Wenn ein Mensch einen Unglücklichen in den Arm nimmt, macht er fast automatisch eine wiegende Bewegung. Er wiegt den Geschlagenen, wie man ein trostloses Kind wiegt. Es ist einer stark und es kann einer schwach sein. Welche Lebenserleichterung, dass man in den Niederlagen des Lebens nicht sein einsamer Meister sein muss. Und welche Größe, auf die trostlose Kunst der eigenen Lebensmeisterschaft zu verzichten.  
 
Gewiss sind es nicht nur Menschen, die trösten. Man könnte es einen objektiven Trost nennen, dass am Morgen die Sonne aufgeht und am Abend unter, dass die Vögel singen und der See sein Lächeln nicht verloren hat. Es sagt keiner den dummen Spruch: Das Leben geht weiter. Aber man spürt es im Strahl der Sonne, im Spiel des Schattens und in der Farbe der Rose: Die Welt ist untergegangen und sie ist nicht untergegangen. Das Leben macht keine dummen Sprüche, es zeigt, dass es weitergeht.