Die Frage, ob die Kunst trösten kann, beantwortet der Kunstexperte Hanno Rauterberg mit „Ja“- und gibt ein Beispiel, das, obwohl hier nicht sichtbar, sehr eindrücklich ist. VS 

James Turrell zum Beispiel tut im Prinzip nichts weiter, als den Blick der Betrachter gen Himmel zu richten. Er baut in einem Museum wie dem P.S.1 in New York einen Raum im obersten Geschoss so um, dass sich das Dach zur Seite fahren lässt. Unten sitzen dann alle auf Bänken entlang der Wände und schauen hinauf. Sie erblicken Wolken, die Kondensstreifen eines Flugzeugs, die sanften Farben der Abendsonne, und fast wirkt der Himmelsausschnitt wie ein abstraktes Gemälde, scharf umrissen vom Rahmen der Wände. Je länger sie hinsehen, desto erstaunlicher erscheint ihnen die schleichende Veränderung des Lichts. An klaren Tagen wird das Blau des Himmels mit der Dämmerung immer tiefer, und kaum lässt sich sagen, ob es noch Blau ist oder schon Schwarz. Es ist eine Kunst, die sichtbar macht, was doch eigentlich immer zu sehen ist. Sie lädt ein zur Kontemplation. Und vielleicht tröstet sie die eine oder den anderen, ist ihr doch eine Schönheit zu eigen, die ohne Wandel und Vergänglichkeit nicht zu haben wäre.  

Dr. Hanno Rauterberg 

Stv. Ressortleiter Feuilleton 

DIE ZEIT