In Katastrophen kann sich Solidarität zeigen: Die Direktorin des Kunstvereins in Hamburg, Bettina Steinbrügge, übersetzt aus einem Buch, das ihr Hoffnung macht:  „A Paradise Built in Hell" von Rebecca Solnit aus dem Jahr 2009. VS 

In den letzten zwanzig Jahren wurde nur selten von Verantwortung, Solidarität und neuen Gesellschaftsentwürfen gesprochen und geschrieben – im Gegenteil, das System schien unverrückbar. Es ging oft um die ungebrochene Deutungshoheit von Eliten, den scheinbaren Gewinnern unserer Gesellschaft, denen das Darstellen von Systemverlierern in Fleisch und Blut übergegangen zu sein schien. „Wer schließlich hat dir vorgeschlagen, Krankenschwester oder Friseurin oder Verkäuferin zu werden? Du hast doch gewusst, dass man in diesen Berufen nichts verdient.“ Anteilnahme wurde als Mangel an Professionalität gedeutet, Geringverdiener wurden ihres Ansehens beraubt und nicht als gleichwertig anerkannt. Jetzt merken wir, dass eine Gesellschaft sich doch sehr wohl verändern kann. Und dies schnell. 

Ich bin vor vielen Jahren mal auf ein Buch der amerikanischen Autorin Rebecca Solnit von 2009 gestoßen, „A Paradise Built in Hell: The Extraordinary Communities That Arise in Disaster”, das mich seitdem tröstet und das gerade jetzt ungemein aktuell ist. Solnit untersucht anhand der Erdbeben von 1906 in San Francisco und 1985 in Mexico, des 11. Septembers 2001 in New York oder des Hurricanes Katrina in New Orleans, wie Katastrophen die Menschen in eine vorübergehende Utopie veränderter Gemütszustände und sozialer Möglichkeiten stürzt. Es zeigt sich, dass die Menschen nach einer Katastrophe plötzlich altruistisch, einfallsreich und mutig werden! Was macht die neu gegründeten Gemeinschaften und die neue Bestimmung, die viele in den Ruinen und Krisen nach der Katastrophe finden, so freudig? Und was sagt diese Freude über normalerweise unerfüllte soziale Wünsche und Möglichkeiten aus? Was Solnit in ihrer Recherche erkannt hat: Es ist ein Mythos, dass unsere Reaktionen auf Gefahr Kampf oder Flucht sind. Es gibt eine dritte Option, die oft verfolgt wird: sich zu sammeln, um sich zu beruhigen, zu schützen, Kraft und Einsicht zu gewinnen. 

Es ist leider nur auf Englisch erschienen, ich möchte ihnen aber gerne einen kleinen Abschnitt übersetzen: 

 “Als Gott im Buch Genesis Abel fragt, wo sein Bruder ist, fragt Kain zurück: ‘Bin ich der Hüter meines Bruders?’ Er weigert sich zu sagen, was Gott bereits weiß: dass das vergossene Blut von Abel aus dem Boden schreit, in den es eingesickert ist. Er wirft dabei eine der immer wiederkehrenden sozialen Fragen auf: Sind wir einander verpflichtet, müssen wir uns um einander kümmern, oder existiert jeder für sich selbst? In den meisten traditionellen Gesellschaften bestehen bis heute tief verwurzelte Verpflichtungen und Verbindungen zwischen Menschen, Familien und Gruppen. […] Mobile und individualistische moderne Gesellschaften lösen sich von einigen dieser alten Bindungen und wollen keine anderen eingehen, insbesondere solche nicht, mit denen sie wirtschaftliche Verpflichtungen auf sich nehmen würden – wie vor allem Vorsorge für Alte und Schwache, Linderung von Armut und Verzweiflung, Unterstützung der eigenen Brüder und Schwestern. Gegen solche Bindungen wird oft mit der menschlichen Natur argumentiert: Wir sind im Wesentlichen egoistisch, und da Sie sich nicht um mich kümmern werden, kann ich mich nicht um Sie kümmern. […] Wenn ich nicht der Hüter meines Bruders bin, dann sind wir aus dem Paradies, einem Paradies ungebrochener Solidarität, vertrieben worden.“ 

Wir lernen gerade jetzt, dass die Solidarität in der Gesellschaft stärker ist, als wir in den letzten Jahren annehmen konnten. Das ist tröstlich.