Friedhelm Mennekes SJ schreibt hier über Rosemarie Trockels Arbeit „Ich habe Angst“ in der Kunststation St. Peter. Angst ist ein weit verbreitetes Gefühl in dieser Krise, denn klare Sicherheiten gibt es nicht und das Unwägbare wirkt bedrohlich. Religion und Kunst sind Weisen der Angst-Bewältigung. VS 

Rosemarie Trockel 

Die Altargestaltung von Rosemarie Trockel begreift den alten, von Kriegszerstörung lädierten Kirchenraum von Sankt Peter wie ein Objekt, das sie vorfindet, mit dem sie sich auseinandersetzt und das sie gestaltet. Das Gotteshaus versteht sie als einen Hort des Fragens und der Besinnung. Es ist für sie ein öffentlicher Ort und zugleich ein politischer Raum, der sich einem Besucher zu öffnen vermag und Anregungen aufgibt.  

In die Apsis montiert sie in großen Lettern die drei Wörter Ich habe Angst. Mit diesem Satz evoziert sie zugleich den Satzgegenstand als Erfahrung, die zu jeder Zeit aus allen Verdrängungen zurückzurufen ist, weil sie mit der Existenz des Menschen gegeben ist. Nach Kierkegaard ist sie von der Furcht zu unterscheiden. Angst hat nur der Mensch, das Tier ist allenfalls ängstlich. Es ist der Schrecken vor dem ungestalteten Nichts und dem alles Leben auslöschenden Tod. Angst überwiegt die Selbstsicherheit. Ist diese stark, schweigt jene – ohne aber zu verschwinden. Angst kann warnen oder dumm machen; sie kann begründet sein oder erschwindelt. Vor allem aber fordert sie den Menschen mit ihren einzelnen Themen heraus: Atomare Bedrohung, Umweltkatastrophen, mafiöse Machenschaften, kriminelle Gewalt, kriegerische Explosionen, Missbrauch wissenschaftlicher Möglichkeiten, Arbeitslosigkeit, Perspektivverlust…  

Religion, Kunst und Philosophie sind seit je her Weisen und Wege, mit denen der Mensch dieser Übermacht zu begegnen und sich zugleich in der Welt zu behaupten sucht. So setzt er dem einen Bann einen anderen entgegen, den seines Verstehens und Wissens, seines Glaubens und seiner Kreativität. Er baut gleichsam einen Wall sinnträchtiger Muster gegen das bedrohlich Unbekannte auf: Mythen, Geschichten, Konstrukte und Erfahrungen. Hier fixiert er seine schwankenden Gefühls- und Bewusstseinslagen. Mit seinen apokalyptischen Visionen, Jüngsten Gerichten und kunstvollen Schutzburgen flüchtet sich der Mensch in ‘gestaltete Welten’. Dort glaubt er, den Bedrohungen wehren zu können. Die Angst zeugt und gebiert menschlichen Überlebenskräfte. Diese erwerben dem einzelnen den Glauben an sich und Hoffnung auf Überleben. Sie setzen in ihm einen Formwillen frei, mit dem er dem Schrecklichen und Vernichtenden wehren will. Am Ende sind es aber nur zwei Möglichkeiten, welche diese Kraft erzeugen, schreibt die Psychoanalytikerin Edeltrud Meistermann zu dieser Altargestaltung: Zärtlichkeit und Offenheit, in der einfühlend zärtlichen Hand auf der ängstlichen Schulter und im mutig offenen Gespräch, das um Klarheit und Genauigkeit ringt. 

Die drei Wörter über dem Altar verwirrten manchen Besucher. Dem Prediger stand sie im Nacken, dem Hörer ins Gesicht. Doch als Worte in der Apsis wirkten sie wie ein Bekenntnis Jesu. Und in der Tat, die Evangelien sprechen mehrfach von der Angst Jesu. Sie schildern, wie sie ihn am Ölberg überfällt: Da ergriff ihn Furcht und Angst, und er <…> warf sich zu Boden und betete [in seiner Angst, <…> und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte (Lukas 22,44)]; er betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst. (Matthäus 26,38-39)  

Jesus wusste, was Angst bedeutete, aber er wich ihr nicht aus und wusste von ihrer Überwindbarkeit zu sprechen. Mehrfach versichert er seinen Jüngern, dass die Angst im Vertrauen überwindbar ist: Euer Herz sei ohne Angst. Glaubt an Gott und glaubt an mich. (Johannes 14,1) Dieser Satz über dem Altar konfrontiert das liturgische Handeln mit seinem Anspruch und seinem Sinn: Zärtlichkeit und Offenheit