Der ehemalige Geistlicher Rektor unserer Akademie und jetzige Vizeprovinzial der deutschen Jesuiten Jan Roser SJ erinnert in seinem Text an den jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig. Für ihn war die Angst vor dem Tod der Sprengstoff allen philosophischen Denkens von den Griechen bis zum Deutschen Idealismus. An seine Stelle müsse ein neues Denken treten, das dialogisch ist und nicht mehr nur distanziert in der 3. Person spricht, ein Denken, das den Anderen bedarf und die Zeit ernst nimmt. Nicht nur die Erfahrung, dass der Tod alles durchkreuzt, gibt dem Denken Rosenzweigs in der gegenwärtigen Situation eine besondere Aktualität, sondern auch die Erfahrung, das sich in aller Furcht vor dem Tod die Erfahrung aufdrängt, dass ich des anderen Mitmenschen bedarf und dass ich, indem ich mir dessen bewusst werde, auch die Zeit ernst nehme. SL

„Vom Tode, von der Furcht des Todes, hebt alles Erkennen des All an.“ So beginnt Franz Rosenzweigs Stern der Erlösung, das auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs entstandene große philosophische Werk des jüdischen Religionsphilosophen. Die uns auf den Leib rückende Gegenwart des Todes setzt eine andere Wahrnehmung der Wirklichkeit frei. Das sich ausbreitende Corona-Virus ist kein Krieg, aller Kriegsrhetorik mancher Staatenlenker dieser Tage zum Trotz. Und doch: die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit während der letzten Wochen hat sich verändert. Was unter der Oberflächlichkeit des alltäglichen Lebens schlummerte, manchmal auch brodelte, tritt deutlicher hervor. Auch unsere Sehnsucht und das, was uns letztlich trägt, werden greifbarer. Wir gewinnen eine Tiefenschärfe im Blick auf das Leben zurück. Diese Wahrnehmung verändert, jedenfalls für den Moment, den Blick auf die Welt.  

Die Texte der österlichen drei Tage eröffnen ein Geschehen, das dieser uns auf den Leib rückenden Todesgegenwart eine Fassung zu geben vermag: Vom Abendmahl der Freunde Jesu über die Ängste, Verunsicherungen und das Leiden und Sterben bis zur Morgenröte des Ostertages, dem Sieg des Lebens über den Tod, hält diese Zeit das ganze österliche Erfahrungsspektrum im Hier und Jetzt bereit. 

Das ist der Trost, den wir in der österlichen Zeit feiern dürfen: ein Gott, der alle Wege mit uns geht, der sich schwach und verletzlich macht, um unsere Schwäche und Verletzlichkeit mit seinem göttlichen Leben zu unterfangen; der uns aus dem Sklavenhaus täuschender Sicherheiten in die Freiheit der Kinder Gottes führt; der uns stärkt und aufrichtet, durch die Schleier des Leids und der Trauer hindurch; der im mysterium paschale den Weg durch den Tod ins Leben weist. Wie in der letzten Zeile im „Stern der Erlösung“: „Wohinaus aber öffnen sich die Flügel des Tors? Du weißt es nicht? Ins Leben.“