Der Hamburger evangelische Theologe Michael Moxter reflektiert im Anschluss an den Soziologen Georg Simmel und den Philosophen Hans Blumenberg die Unsicherheit des Tröstens: Es liegt nicht in meiner Hand, dass ich meinen trostsuchenden Mitmenschen zu trösten vermag. „Es gibt keine Technik des erfolgreichen Tröstens“, schreibt er. Dass wir trotz und in aller Unsicherheit die Erfahrung machen dürfen, einander zu trösten, ist – theologisch gesprochen – ein Wunder, eine Erfahrung der Gnade, des unverdienten Geschenks. SL

Georg Simmel notierte in seinem Tagebuch: „Der Mensch ist ein trostsuchendes Wesen“ und fügte die Klarstellung hinzu: „Trost ist etwas anderes als Hilfe – sie sucht auch das Tier; aber der Trost ist das merkwürdige Erlebnis, das zwar das Leiden bestehen lässt, aber sozusagen das Leiden am Leiden aufhebt, er betrifft nicht das Übel selbst, sondern dessen Reflex in der tiefsten Instanz der Seele. Dem Menschen ist im großen und ganzen nicht zu helfen. Darum hat er die wundervolle Kategorie des Trostes ausgebildet – der ihm nicht nur aus den Worten kommt, wie Menschen sie zu diesem Zweck sprechen, sondern den er aus hunderterlei Gegebenheiten der Welt zieht“. 

Zu den Merkwürdigkeiten gehört wohl auch, dass wir einander trösten können. Dass es eine menschliche Tätigkeit ist, die nicht nur scheitern, sondern eben auch gelingen kann. Die Bedingungen, unter denen wir zu trösten vermögen, sind freilich nicht zu sichern. Es gibt keine Technik erfolgreichen Tröstens, und zwar wohl deshalb nicht, weil es auch Vertröstung gibt, die sich der Trostsuchende verbittet und mit der sich nicht gemein machen darf, wer zu trösten versucht. Vertröstung wird nur deshalb zum Problem, weil wir nicht nur mit Gesten, sondern auch mit Worten trösten. Wer den anderen in den Arm nimmt oder Tränen abwischt, der steht dabei nicht unter dem Verdacht der Vertröstung. Aber wer mit Worten tröstet, der muss auf die Wahrheit achten: Es hilft nicht, die Sorgen und Ängste klein zu reden oder vorzurechnen, dass demnächst alles besser werde. „Heile, heile Mäusespeck, in hundert Jahren ist alles weg“ – mit diesem Reim konnte mich nicht einmal meine Mutter erreichen. Auch kindlicher Zeitsinn und etwas Wehleidigkeit reichten aus, um die Beschwichtigung zu durchschauen. Was in hundert Jahren sein wird, ist gerade darum jetzt irrelevant. Man sieht an diesem Misslingen: Nur die Wahrheit kann trösten. Oder bescheidener gesprochen: Wir wollen erst ernst genommen werden und hernach getröstet sein. 

Der Mensch ist eben nicht nur trostbedürftig, sondern auch untröstlich – wie man bei Hans Blumenberg lesen kann. Er sucht zwar Trost, bleibt aber lieber ohne ihn, als sich schalen Versprechungen hinzugeben. Auch wer merkt, dass er getröstet werden soll, fühlt sich falsch behandelt, abgefertigt. Für den Tröstenden ist es wichtig zu wissen, dass er nur trösten kann, wenn er weiß, dass er über Trost nicht verfügt, also auch nicht erzwingen kann, dass der andere sich erreichen lässt. Oft ist es tröstlich, den Freund, die Freunde an seiner Seite zu wissen, auch wenn diese nichts sagen oder nichts beitragen können. Ihr bloßes Dasein reicht.  

Simmel hat deshalb recht mit seiner Beobachtung, dass der Trost kommt – manchmal aus den Worten, manchmal aus Ereignissen, oft aus der Gewissheit, nicht alleine zu sein. Was tröstet, das widerfährt uns. Als souverän Handelnder kann ich mich abfinden mit dem, was mir in die Quere kommt. Trost aber finden wir als etwas, das zu uns kommt. 

Dann ist da noch Sokrates. Er tröstet im Phaidon Freunde und Schüler angesichts des ihm bevorstehenden Todes und der Ungerechtigkeit des Todesurteils. Die Beweisgründe für die Unsterblichkeit der Seele, die er vorträgt, sind ebenso viele Gründe, getröstet zu sein. Was Sokrates lehrt, wird zur Kunst, Abschied zu nehmen: die Bindung an den Leib, also an das Sterbliche zu überwinden wie die Orientierung des Denkens an dem, was bloß Sinnlich-Äußerliches bleibt. Im Sterben den Übergang vom Zeitlichen zum Ewigen zu meistern, das zeigt den Trost der Philosophie. Wo er wirkt, entsteht die Gelassenheit des Weisen, der sich unbeeindruckt zeigt, der den Schicksalsschlägen mit der „Meeresstille der Seele“ begegnet.  

So viel anders erscheint es zunächst nicht, wenn im Johannesevangelium Jesus Abschied von seinen Jüngern nimmt, sie auf seinen Tod vorbereitet und ihnen den Tröster verheißt, der nach seinem Weggang kommen und sie an alles erinnern wird. Aber mit seinem Wort: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ ist auch Situationen zu begegnen, in denen solche Gewissheit und Gelassenheit verloren geht und die Verzweiflung wächst.  Dann ist man dichter an der Schilderung des Markusevangeliums, nach der Jesus verlassen und klagend mit einem Schrei nach Gott stirbt. Solche Erfahrungsnähe zu den Abgründen, in denen keiner mehr hilft, bringt mir die Bibel näher und passt besser zu mir als die Unbekümmertheit des Weisen, den nichts erschüttert, weil ihn nichts betrifft. 

Schließlich: „Tröstet, tröstet mein Volk“ ist das erste Wort, das im Buch des Deutero-Jesaja überliefert ist, und es dürfte ein typisches Auftakt- und Anfangswort sein (wie Gen 1,1 oder Joh 1,1 so auch Jes 40,1). Der Prophet kündigt das Ende des babylonischen Exils und einen zweiten Exodus des Gottesvolkes an: Nach dem Untergang des Nord- und später des Südreiches, nach dem Verlust des Königtums, der Dynastie, nach der Zerstörung des Tempels und dem Verlust der Bundeslade doch noch und doch wieder ein neuer Anfang, ein Wort des Trostes und neuer Hoffnung. Warum aber die Dopplung? Reichte es nicht zu sagen: „Tröstet mein Volk!“ Galt die Losung: Doppelt genäht hält besser auch unter Propheten? Das wissen wir nicht. Aber vielleicht brauchen die Trostsuchenden den zweiten Anlauf, einen Trost, der wächst und sich durchsetzt, nachdem sie ausgeschlagen hatten, was ihnen an guten Aussichten angeboten wurde. Dann begänne der Trost nach dem Ende dessen, was wir ‚schwachen Trost‘ nennen.