Der Psychotherapeut Thomas Polednitschek berichtet aus seiner Philosophischen Praxis, wie ermutigend, befreiend und tröstlich die Erfahrung sein kann, nicht im Credo der autonomen Selbstbestimmung die Wahrheit des eigenen Lebens zu sehen, sondern in den von Anerkennung geprägten Beziehungen zu den Mitmenschen. SL

Was hat den Gast meiner Philosophischen Praxis getröstet, der
kürzlich wegen der Corona-Pandemie entmutigt in meine Praxis kam?
Was ihn getröstet hat, davon ist in Hegels „Phänomenologie des
Geistes“ die Rede. Deshalb sei hier – anlässlich des 250. Geburtstags
von Hegel am 27. August 2020 – kurz und knapp an dieses
Jahrhundertwerk erinnert. Von dem, was tröstet, spricht Hegel da, wo er – der Sache nach – den Trost für das „unglückliche Bewusstein“ zum Thema macht.

Ihm entspricht heute der postneurotische Sozialisationstypus, dessen großes Thema nicht mehr wie beim sog. Neurotiker die Befreiung, sondern die Bildung ist. Bildung ist für Hegel da, wo die Wahrheit das einzelne Ego zu einem selbstbewussten und selbstbestimmten Subjekt macht. Das „unglückliche Bewusstsein“ Hegels ist der Mensch, der sich diese Wahrheit (noch) nicht angeeignet hat. Beispiel wäre vielleicht der 46-jährige Gast meiner Philosophischen Praxis, den die jetzige globale Notlage vor allem deshalb stresst, weil er schon seit langen Jahren – beruflich durchaus erfolgreich – an keiner Stelle sozial vernetzt durch seinen Lebensalltag geht. Er steht für den Menschen des extremen Individualismus unserer Tage, der ohne die Einbettung in gelungene gegenseitige Anerkennungsverhältnisse durchs Leben gehen muss. Dies beeinträchtigt massiv seine Stabilität und Widerstandskraft. Für ihn trifft zu, was Adorno über das spätmoderne Ego gesagt hat: „Freiheit von der Gesellschaft, beraubt es der Kraft zur Freiheit.“ Er ist der Mensch, der in den für uns alle nicht leichten Zeiten der Corona-Pandemie seinen eigenen Sorgen und Nöten vor allem deshalb ausgesetzt ist, weil ihm als isoliertes und atomisiertes Ego schon längst vor der jetzigen Krisenzeit die Distanz gegenüber seinen Mitmenschen zur „zweiten Natur“ (Hegel) geworden ist. Was meinen Gast aber zu einem unglücklichen Ego machte, war, dass er nicht die Wahrheit kannte, die ihn aus dem Gefängnis seiner eigenen Egoität befreien könnte. Für Hegel stimmt: „Die Wahrheit wird euch befreien.“ (Joh. 8,32). Nicht nur befreiend, sondern auch ermutigend ist sie in einer Philosophischen Praxis, wo sie zu einer „Existenzmitteilung“ (Kierkegaard) wird, sie nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz erreicht. Sie war auch für das entmutigte Ego meines Gastes im Gespräch mit seinem Praktiker ein Trost, weil sie ihm neuen Mut zum Leben gab. Vielleicht können wir uns die Wahrheit, die ermutigt und befreit – auch und gerade in dieser schweren Zeit – nur gegenseitig sagen, z. B. den Satz: „Gemeinsam sind wir nicht allein“.