Argumente für den Trost gibt es nicht, verdeutlicht der katholische Theologe Jürgen Werbick – aber den Blick auf die Zeugnisse, die zeigen und erzählen, dass Menschen Trost finden bzw. gefunden haben; dass in aller Trostlosigkeit der Trost zu einem „Dennoch“ wird, das Mut, Kraft und Hoffnung schenkt.
Wie lässt sich wahrer Trost von falscher Vertröstung unterscheiden? Was lässt den Trostbedürftigen darauf vertrauen, dass der andere ihn trösten und nicht vertrösten will? Warum sollte er wider alle Trostlosigkeit dem Tröstenden vertrauen? Antworten auf diese Fragen findet nur der, der vertraut – nicht blind, sondern aufmerksam für die Zeugen, die von dem ihnen geschenkten Trost erzählen. SL

Man darf nicht an den Zeugnissen vorübergehen; weder an den Zeugnissen derer, die trostlos blieben und das Fehlende beklagen, noch an den Zeugnissen derer, die getröstet wurden. Das bezeugen sie alle: Wer sich selbst trösten will, ist verloren. So viel Tröstliches kann die Vernunft gar nicht aufbieten, als einem der Blick auf das Geschehen von Welt, Gesellschaft, Kirche wegnimmt. Aber damit ist die Vernunft nicht aus dem Spiel. Wer bei Trost ist, müht sich zu unterscheiden, bei welchem Trost er Halt suchen kann und welchen er zurückweisen muss. Docta spes, belehrte Hoffnung: sie allein könnte tröstlich sein, wenn sie in uns wachgerufen wird, wenn sie uns verbürgt würde. Kein Trost ohne Weisheit. Weisheit ist das Gegengewicht gegen das ungetröstete „Wie lange noch!“  

Biblische Weisheit erinnert an das so leicht Vergessene und von dem, was uns jetzt überrollt, bedeutungslos Gemachte. Sie lehrt und lässt sich hinweisen auf das – bei allem was geschieht – dennoch Geltende. Sie „lehrt“: das klingt noch zu affirmativ und triumphalistisch. Wie könnte sie sich sicher sein, nach all dem, was geschehen ist. Sie versucht sich im Dennoch festzumachen und an ihm festzuhalten. Wenn sie die Schönheit der Schöpfung in Erinnerung ruft und preist, singt sie gegen das Chaos an. So redet und schweigt der Trost gegen die Trostlosigkeit an; so macht er sich in Trostgründen fest, die er selbst nicht hieb- und stichfest vergewissern kann; in diesem einen vor allem: Unser Gott ist nicht auf Seiten der Ungerechten und des Todes. Er ist ein solidarischer Liebhaber des Lebens (Weish 11,27) und der Gerechtigkeit. Und seine Liebe wird hoffentlich mächtiger sein als die zynische Entschlossenheit derer, die überall nur ihren Vorteil suchen. 

Was spricht nicht alles dagegen! Die Trostlosigkeit findet immer Gründe, sich nicht trösten zu lassen. Und wer wird es den Ungetrösteten verdenken, wenn ihnen die Kraft abhandengekommen ist, ihr Herz an das Dennoch und so an Gott zu hängen. Da ist zu viel Enttäuschung im grausamen Spiel, als dass man noch darauf hoffen könnte, sich jetzt – und im Entscheidenden – nicht zu täuschen. Man ist gewarnt. Aber man sollte auch gewarnt sein vor den Lehrern der Enttäuschung, die mit ihrer ideologiekritischen Desillusionierung unbedingt Recht behalten wollen und jeden Trost als intellektuell unter Niveau von sich weisen. Aber was ist dagegen einzuwenden, dass sich Gründe nennen lassen für das Dennoch; dass sie uns ermutigen, auf Menschen zu schauen, die das Dennoch gelebt haben, ohne Triumphalismus, aber auch ohne sich klein zu machen: auf Zeugen und Zeuginnen und ihre Hoffnung zu schauen, wenn die eigenen Hoffnungen nicht mehr weit genug reichen. 

Das wäre ein Trost, den man nicht verstecken müsste: wenn unser Blick auf Menschen fällt, die das Dennoch lebten, es heute leben. Wie tröstlich, mit ansehen zu dürfen, was die Hoffnung aus den Zeugen gemacht hat, was, so sagen sie es hie und da selbst, ein göttlicher Paraklet – Begeisterer – aus ihrem Leben gemacht hat: dass sie Grund finden zu danken und den Mut, das Dankenswerte ihres Lebens, der Schöpfung, nicht verlorenzugeben. Sie können sich täuschen. Wir können uns täuschen, wenn wir uns von ihnen trösten lassen. Aber wir wären nicht bei Trost, wenn wir ihre Hoffnung nicht prüften; wenn wir ihr mutiges Dennoch nicht in Betracht zögen. 

Ein unverdächtiger Zeuge: Günter Grass. Von seinem Schutzengel sagt er, von Gott könnte, müsste er es sagen: „Er schüttet mich aus / das Kind mit dem Bade“. Ausgeschüttet – kaum dass etwas übrig bleibt von mir, meinen Wünschen, von dem, was ich anfing. Verloren, alles verloren? Am Ende des Gedichts aber heißt es: „Und geh ich verloren: mein Finder geht mit.“

Wir können uns täuschen; die Zeugen können sich täuschen. Lehrer, Dichter und ihre Weisheiten verdienen keinen Kredit mehr, wenn sie uns das verheimlichen. Aber der Zweifel muss nicht unabdingbar trostlos bleiben. Seine Gründe sind nicht so gut, dass man nicht auch an ihnen zweifeln dürfte. Wie und wozu die Hoffnung einen Menschen verwandelt hat, wie sie ihn das Dennoch hat leben lassen, das ist – wie gesagt – kein hieb- und stichfestes Argument. Aber es macht vielleicht Mut dazu, sich trösten zu lassen darüber, dass so vieles gegen den Mut zu hoffen spricht und im Letzten vielleicht nur dies eine dafür spricht: dass der Getröstete nicht abgeschlossen hat mit dem, was war und noch dauert; dass er ein Mensch des Anfangs sein kann wie der uralte Simeon, der im Tempel das kleine Kind Jesus auf dem Arm trägt. Von ihm wird gesagt, dass er gerecht ist und hinlebt auf den „Trost Israels“ (Lk 2,25). Hinleben auf den Trost Israels, aller Ungetrösteter: Die Menschen, die Mächte des Todes und der Ungerechtigkeit, sie werden nicht die Macht haben, die guten Anfänge restlos zu verderben. Im Getröstetwerden liegt der Anfang, der Anfang des Dennoch. Dass dieser Anfang kein Anfang vom Ende ist, das kann nur der erweisen, der, wenn er ist und wenn er der ist, nach dem Juden und Christen und womöglich viele andere, Gläubige und Skeptiker(innen), sich ausstrecken, die Tränen abwischt von jedem Gesicht (Jes 25,8). 

(Ausschnitt aus einem Vortrag in der Katholischen Akademie in Hamburg am 20. November 2019)