„Aushalten und Durchhalten und Kraft wünschen einem die Lieben“ schreibt die Poetin Nora Gomringer in ihrem Gedicht „Herr“. Ja, solche Wünsche hören wir seit einiger Zeit häufiger und sprechen sie auch anderen gegenüber aus. Und die Müdigkeit, die sie beschreibt, kennt so mancher, so manche ebenfalls. Anstrengend ist das Leben in Corona-Ungewissheit, zwischen Nicht-mehr-davon-Hören-Wollen und es doch zur Kenntnis nehmen Müssen. Gut, wenn es dann einen Trost gibt: jemand, bei dem man sich aufgehoben fühlen kann. Ein Mensch oder Gott. Oder beide. VS 

Herrje. 

Ich bin müde 

Ich bin kleiner als meine Kleidergröße. 

Die Stapel auf meinem Schreibtisch wachsen und ich verschwinde 

in meiner Kleidung. Eines Tages mache ich mich durch ein Knopfloch, nein, 

    ein Nadelöhr 

auf und davon. 

Aushalten und Durchhalten und Kraft wünschen einem die Lieben. 

Dabei wünsche ich mir ein Bett und einen, der Tee bringt und mich sein lässt, 

mich hin und wieder berührt, damit ich noch in der Welt bin, obwohl 

so klein und verschwunden. 

Eine Weile nur aufgehoben in Dir. 

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Nora Gomringer 

In: Nora Gomringer, Gottesanbieterin. Berlin Dresden Leipzig (Voland&Quist) 2020, S. 83