Die Theologin Aurica Jax findet  Anfang Mai bei einem Gang durch ihre Stadt ein Plakat und macht sich bewusst, was sich verändert hat. VS  

Anfang Mai entdeckte ich unverhofft einen Text auf einer Schaufensterscheibe, in einer Gasse in Münster (Westfalen). Gerade hatte ich einige Reiseführer zurück in die Stadtbibliothek gebracht – besser gesagt, in den „Rückgabeautomaten“ an der Außenmauer – die ich wegen einer geplatzten Reise nicht mehr brauchte. Und ich war unterwegs in einen Drogeriemarkt – wo sonst ging ich in diesen Tagen schon hin? Die Gasse verbindet diese beiden Orte. 

Ich las ein kleines Gedicht, eine Liebeserklärung an meine Wahlheimat, das artige Münster. Wer immer in Hamburg (oder woanders) lebt, wird vermutlich einige Adjektive austauschen wollen, nicht nur „katholisch“. Dennoch ist derzeit an den unterschiedlichsten Orten zu beobachten, dass die vertraute Umgebung zugleich fremd, aber auch rührend wirkt. Dass sie uns anstrengt, weil wir sie kaum noch verlassen, und dass wir sie zugleich mit neuen Augen sehen – jetzt, wo wir sie andauernd sehen. Sie ist gezeichnet von der Krise, und sei es nur, weil die Plätze jetzt menschenleer sind, die uns immer zu voll waren. 

Mich hat dieser überraschende Blick auf „meine“ Stadt, mitten im Corona-Alltag, getröstet. Das obige Bild habe ich an Freund*innen und Bekannte verschickt, die jetzt noch in Münster leben, aber auch an viele, die ich hier kennengelernt habe und die längst weitergezogen sind. Uns alle verbindet dieser Ort, ob wir ihn lieben, ob wir froh sind, ihm entkommen zu sein, oder ob beides zugleich zutrifft. Das meiste von dem, was wir hier erlebt haben, ist derzeit nicht möglich: nebeneinander in einer Uni-Veranstaltung brüten, in einer überfüllten Kneipe palavern und flirten, in einem Garten miteinander feiern. Wir sind verbunden oder zerstritten aufgrund einer gemeinsamen Geschichte, die sich hier abgespielt hat – hinein in eine Zukunft, die schon immer ungewiss war, nun aber umso mehr.