Der Philosoph Holger Zaborowski denkt in seinem Text über die Trostlosigkeit nach, die sich einstellt, wenn alles, was bis dahin (vermeintlich) Sinn gegeben hat, fragwürdig geworden ist. Und er findet auf der „Rückseite der Trostlosigkeit“ jenen kleinen Trost, der sich dem zeigt, der durch die Wüste der Trostlosigkeit gegangen ist und im Normalen das Außergewöhnliche und Tröstende erkennt. Dass zum Beispiel die Präsenz der Mitbewohner und Nachbarn auf dem Balkon gegenüber etwas Tröstliches und Beruhigendes haben würde, hätten sich viele von uns bis vor wenigen Wochen nicht vorstellen können.
SL

Kann in der Trostlosigkeit Trost liegen? Die Vermutung, die dieser Frage zugrunde liegt, klingt paradox. Trostlosigkeit ist doch die Abwesenheit von Trost: keine Hoffnung, keine Zuversicht, kein Sinn, nur Leere und Trauer. Dies ist eine Erfahrung, die wir nicht einfach aktiv machen können. Sie ereignet sich und überwältigt uns. Manchmal stellt sie sich ganz langsam ein, manchmal plötzlich und wie aus heiterem Himmel. Was lange Zeit Trost gespendet hat, ja, was so wirkte, als könne es auch in härteren, schwierigeren Zeit Trost schenken, hat dann keine Kraft mehr. Man fragt sich sogar, warum es jemals Trost spenden konnte. Hat man nicht eine Illusion gepflegt? Ist man nicht einem Irrtum aufgesessen? War der Trost nicht letztlich eine Vertröstung, ein “Trostpflaster” für Schönwetterzeiten, das uns keine Hilfe bieten kann, wenn keine oberflächliche Verletzung, sondern eine tiefe Wunde zu versorgen ist? 

Vertrösten lassen wir uns allzu oft — durch so viel, das in wirklichen Krisen- und Notsituationen nicht trägt, durch fixe Ideen, große Ideale, viel beschworene Werte, die Meinungen anderer Menschen, vertraute Gewohnheiten und vieles andere, das wir längst nicht mehr hinterfragen. Wir hoffen, dass all dies uns tröstet. Doch zeigt sich, wenn es auf den Trost wirklich ankommt, schnell, auf welch dünnem Eis wir uns bewegt haben. Dann brechen wir ein, alleine in einer kalten und trostlosen Welt.  

Es kann sein, dass wir aus dieser Verlassenheit und Traurigkeit nicht mehr herausfinden oder dass es sehr lange dauert, bis sich im Dunkel wieder Licht zeigt. Doch kann es auch passieren, dass sich gerade in der Trostlosigkeit ein andere positive Seite zeigt – die Rückseite der Trostlosigkeit, ein Trost, der erst deutlich wird, wenn die äußeren Vertröstungen ihre Kraft verloren haben und sich als das gezeigt haben, was sie in Wahrheit sind – nämlich nichts, das wirklich trägt und Sinn schenkt.  

Es könnte sein, dass sich ein solcher Zusammenhang gerade in der jetzigen Krise zeigt. Denn nun bricht vieles zusammen, was uns Trost versprochen hat, letztlich aber nur oberflächlich über unsere Krisen und Probleme hinweg vertröstet hat. Allerlei Götzen werden gerade von ihrem Sockel gestoßen: Gerade in einer Zeit größter wirtschaftlicher Unsicherheiten bietet der ökonomische Erfolg nur beschränkt Trost. Geld ist nicht unwichtig, aber es erfüllt uns nicht. Die Gesundheit ist ebenso seit langem ein Götze, an den wir uns verlieren können. Auch sie ist wichtig, sehr sogar. Doch zeigt sich nicht gerade in diesen Wochen und Monaten der Corona-Pandemie die eigentlich triviale Wahrheit, dass zum Leben auch Leid, Sterben und Tod – Phänomene, die wir gerne verdrängen oder zu eliminieren versuchen – gehören? Erfahren wir nicht durch die Wucht der weltweiten Verbreitung des Corona-Virus, dass es im Leben darauf ankommt, die eigene Endlichkeit anzunehmen? Die Verdrängung des Leidens, die so verbreitete Wellness-„Religion“ der Gesundheit kann daher so wenig trösten wie die Konsum-“Religion” des wirtschaftlichen Erfolgs. Was machen wir nun, da so vieles uns nicht mehr trösten kann? Was machen wir ohne die alten Götzenbilder? 

Die Not lehrt beten, so sagt man. Die Not, eine Krise oder Zeit radikaler Verunsicherung zeigt nämlich, worin man wirklich Trost finden kann. Dies ist die Rückseite der Trostlosigkeit, die Möglichkeit eines anderen, eines tieferen Trostes, die sich zeigt, wenn man durch die Wüste der Trostlosigkeit gegangen ist. Das mag geheimnisvoll oder gar mystisch klingen, ist es aber gar nicht. Es verweist auf eine einfache Einsicht: Denn oft ist es eher das Normale und das Alltägliche als das Außerordentliche und Besondere, das Trost schenkt. Wir denken zu oft, wenn wir von Trost sprechen, an etwas ganz Großes. Wirklicher Trost zeigt sich nicht selten im Kleinen. 

Zu wissen, dass man nicht alleine mit seinen Sorgen und Ängsten bleiben muss, ist schon ein Trost. Ein Gruß, ein Lächeln, ein Anruf, ein Brief, ein Moment geschenkter Zeit, die unerwartete Hilfe eines Fremden, ja, auch ein Gebet, all dies sind Quellen des Trostes. Die Mühen des Menschseins, die sich nicht leugnen lassen: dass wir gebrechlich sind, dass wir immer krank werden können, dass wir leiden und sterben werden, lassen sich einfacher tragen, wenn wir nicht alleine sind. In der Nähe anderer Menschen zeigt sich daher nicht nur etwas Trostvolles; sie selbst, die anderen Menschen, sind ein wirklicher Trost und Halt. Und auch Gott kann trösten: die Erfahrung, dass man sich gerade im Leid und in Momenten größter Trostlosigkeit an Gott richten kann, oder die Hoffnung, dass Gott für den Menschen da ist und ihm wohl will, auch wenn zunächst alles dagegen zu sprechen scheint. 

Holger Zaborowski, Erfurt