„Keine Sorge“ ist in „normalen“ Zeiten eine Floskel, über die man nicht weiter nachdenkt. Nun stolpert man darüber. Es ist nicht ganz einfach, die Balance zu halten zwischen einer naiven oder rücksichtslosen Sorglosigkeit, die Gefahren ausklammert und einer Überbesorgnis, die einen lähmt. Zu einer reflektierten Haltung des „Sorge dich nicht“ gehört Vertrauen – etwas, das der Text, aus dem Creed zitiert, den Menschen zusprechen möchte. Es ist die Bibel. VS 

Turminstallation für Sankt Peter Köl 

Neonschriftzüge in vier Sprachen, 60-80 x 550-600cm 

Martin Creed (geb. 1968 in Wakefield, England) bezieht sich in seiner Arbeit auf inszenierte Dinge der Alltagswelt, die er durch eine Überlagerung ihrer Eindeutigkeit entzieht. Ihre Bedeutungen changieren dann – oft ironisch – auf eine anregende Weise zwischen verschiedenen, oft poetischen Ebenen. Auf diese Weise arrangiert und konstruiert er Schwebezustände zwischen Sinn und Unsinn, Glück und Unglück.   

Mit gleichgroßer Intensität arbeitet er auch mit Elementen der Sprache. Es sind übliche Redewendungen der Alltagssprache, denen er in leichter Transformation eine neue Sinnebene abringt, z.B. oh no (Work No. 161) oder half the air in a given space (Work No. 201). Er entlehnt die Technik der Reklame mit Neonbuchstaben und bringt sie auf die Fassaden von Krankenhäuser, Museen, Einkaufzentren oder nur auf Plakatwände. Seine bislang bekannteste Arbeit war an verschiedenen Stellen montiert, derzeit ist sie an der Stirnseite der alten Londoner Tate, jetzt Tate Britain montiert. Sie lautet: the whole world + the work = the whole world (Work No. 143). Auf eine hintergründige Art reflektiert hier der Künstler sein eigenes Arbeiten in Prozess und Intention. Über den Eingang eines Museums geschrieben, wirken diese Worte wie eine Anleitung zum Betrachten der ausgestellten Werke: Kunst als selbstverständlicher Teil der Welt. Kunst als Weltbetrachtung. Kunst als Weltkonstruktion.  

Der viersprachige Satz ist oberhalb der Fenster- und Schallöffnungen des romanischen Turms angebracht. Er sendet damit an die Stadt eine verrätselnde Botschaft in einem banalen Anglizismus, in feierlichem Lutherdeutsch und in humanistischem Latein und Griechisch: DON’T WORRY – SORGE DICH NICHT – NOLI SOLLICITUS ESSE – MH MERIMNA. Aus der Mitte dieses teils ärgerlichen Sprachgewirrs muss sich der Leser sein Verständnis erarbeiten und mag für sich dabei die gute Nachricht der Bergpredigt herausfiltern. Für Sankt Peter und für seine Kunst-Station verkündigt sie dabei beides: das Unbedachte des Dahingesagten und das Befreiende des Bedachten.  

Der Satz findet seine plurale Variante in der Bergpredigt Jesu (Mt 6,25par): Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr, denn die Speise? Und der Leib mehr, denn die Kleidung? Seine lateinische und griechische Übersetzung verankert diesen Satz in der biblischen Botschaft und in der Kultur des Abendlandes: im Latein des Mittelalters und im Griechischen des Evangeliums. In englischen Bibelübersetzungen heißt er übrigens: Don’tbesolicitous. In alltagssprachlichen Bibelausgaben: Don’t worry. Martin Creed lebt und arbeitet in London.