Bei sommerlichen Temperaturen können Sie sich heute gedanklich abkühlen - oder physisch bei einem Besuch in der Hamburger Kunsthalle. Denn in der folgenden Kurzgeschichte von Tanja Dückers geht es um eines ihrer berühmtesten Gemälde, nämlich Caspar David Friedrichs „Eismeer“. Ein in der Tat winterliches Bild, aber eine Geschichte, die die Kälte auflöst. VS 

Meine Schwester und ich wuchsen in den erst kargen und dann immer behaglicheren Nachkriegsjahren, in den späten Vierziger- und Fünfzigerjahren auf. Ich erinnere mich gut an das aufgeräumte „Darf’s noch ein bisschen mehr sein?“ beim Fleischer, die immer üppigere Auswahl an Schnittblumen auf den Wochenmärkten und die stillen, langen Sonntage, an denen wir zuhause am Wohnzimmertisch Patiencen legten. Über diesem Wohnzimmertisch hing ein großes Gemälde, das alles, was Alexander und Margarethe Mitscherlich je über die Unfähigkeit der Deutschen, zu trauern, geschrieben hatten, schon in seinem Titel aufs Trefflichste zusammenfasste. Es war ein Nachdruck von Caspar David Friedrichs „Eismeer / Gescheiterte Hoffnung“. Der Vater war bis nach Norwegen gekommen und dann doch im Frühjahr ’45 fast auf der „Goya“ ersoffen. Die klirrende Eiswüste mit dem Schiffswrack, die Friedrich meisterhaft vor dem Betrachter ausgebreitet hatte, schien sich, als hätte das Gemälde keinen Rand und keinen Rahmen, stets in unser Wohnzimmer auszudehnen. Wir saßen dort stumm vor unseren Kristallgläsern und den „guten“ Porzellantellern, die „heil“ durch den Krieg gekommen waren, was von unseren Eltern in einer Weise erwähnt wurde, als würde es sich dabei um lebendige Familienmitglieder handeln. Der Friedrich-Nachdruck schien den Eltern sehr wichtig zu sein. Obwohl sie das Gemälde tagtäglich sahen, konnten meine Schwester und ich den Vater oder die Mutter gelegentlich dabei ertappen, wie sie das Gemälde mit stummer Ehrfurcht und stets aus einiger Distanz, gern von der Tür aus, betrachteten. Jeden Sonntag wurde das „Eismeer“ hingebungsvoll mit einem Staubtuch gesäubert. Annemarie – meine Schwester – und ich hatten keine Meinung zu dem eindrucksvollen Bild. Es war so sehr bestimmender Bestandteil des elterlichen Wohnzimmers, dass wir gar keine eigene Beziehung zu ihm aufbauen konnten. Es hing dort mit stiller Strenge wie nachts die silberne Mondsichel im Fenster. Nie war mir in den Sinn gekommen, mir auch nur zu wünschen, dass es einmal seinen angestammten Platz räumen sollte.  

Doch dann – Annemarie und ich lebten längst nicht mehr zuhause – starben unsere Eltern schnell hintereinander, innerhalb von nur einem Jahr. Ich unterstützte sie in der kurzen Zeit ihres Krankseins, so gut ich konnte. Ihr Ableben nahm ich hin. Es war doch besser für sie als noch länger zu leiden, sagte ich mir. Sie hatten beide Krebs gehabt. Ich fühlte keinen Zorn, nicht einmal wirkliche Trauer nach ihrem Tod. Er erschien mir nur folgerichtig und unausweichlich, wie das Schalten einer Ampel von Grün auf Rot.  

Danach mussten Annemarie und ich uns an die schwierige und bedrückende Aufgabe der Wohnungsauflösung machen. Wir räumten die gesamte Wohnung aus, bis nur noch das „Eismeer“ an der Wand hing. Als kein Bett und kein Tisch mehr an seinem Platz standen, schien uns die Wohnung immer noch intakt, nur weil dieses Bild an der Wand hing. 

Ich erinnere mich, wie meine Schwester und ich – es war ein kalter Dezembermorgen, in der leeren Wohnung hatten wir die Heizung nicht angestellt – fröstelnd davor standen. Wir redeten über dies und das, um Zeit zu schinden. Schließlich nahm ich meinen Mut zusammen und – scheiterte. Der Rahmen des zwei Meter breiten und gut anderthalb Meter hohen Bildes war so schwer, dass ich Annemaries Hilfe brauchte. Es war, als ob wir die ganze Last des mühseligen Lebens unserer Eltern noch einmal in unseren Händen hielten. Dann endlich rutschte das Eismeer uns zu Füßen, quetschte Annemarie schmerzhaft einen Zeh. Erschöpft lehnten wir an der Wand.  

„Da ist etwas“, sagte Annemarie leise und rieb ihren Fuß. Ich war so in meinen widersprüchlichen Gefühlen versunken, was die Wohnungsauflösung der Eltern betraf, dass ich ihre Stimme mit Verzögerung vernahm.  

„Was – denn?“, fragte ich gedehnt zurück.  

„Lass uns das Bild umdrehen“, flüsterte Annemarie, plötzlich hektisch. Jetzt sah auch ich es: Ein Stück vergilbtes Papier klebte hinten an dem Rahmen. Das Papierstück hatte brauen Flecken, fiel beinahe auseinander. Mich ergriff jetzt auch Unruhe, ich wusste sofort, dass dies ein wichtiger Fund war. Ich weiß noch, wie ich meinen Blick hob und in die müden Augen meiner stets stillen Schwester, die Bibliothekarin geworden war, schaute. Ich zögerte. Doch dann sah ich – ein seltenes Erlebnis – ein Funkeln in den Augen von Annemarie, einen Funken auflodernder Freude. In diesem besonderen Blick lag auch der Wunsch danach, eine andere Kindheit, eine andere Jugend gehabt zu haben, schien mir.  

Ich glättete das wellige Stück Papier. Annemarie trat schnell in ihrer katzenhaften Art an mich heran, wie immer tunlichst darauf bedacht, mich nicht zu berühren. Auf dem Zettel standen, soweit ich das erkennen konnte, ein paar Zahlen, große und kleine. Sie waren mit Schwung aufs Papier gesetzt, als würden sie tanzen, es waren sogar Lachgesichter auf den Zettel gemalt. Einige hatten Kringel als Nasen. Annemarie trat näher, ihre Schulter berührte meine, und sie zuckte zusammen. Schließlich konnte Annemarie Grammangaben und ein paar Worte entziffern. Es handelte sich um ein Rezept unserer Mutter, um Kartoffelpuffer mit Apfelmus. Es musste aus der Vorkriegszeit, den Dreißigern, stammen, in denen sie noch gern gebacken hatte. Wir hatten diese Zeit nicht bewusst erlebt. Es war die Glanz-und-Gloria-Zeit, nach der die Eltern sich auf eine stille, feige und ängstliche Art immer – ja – zurückgesehnt hatten. 

Was dieser kleine banale Zettel in mir auslöste, kann ich gar nicht beschreiben. Ich kann es im Nachhinein gar nicht mehr nachvollziehen. In fünf Minuten passierte mit mir mehr als vorher in Jahren. Ich zitterte, fluchte, schloss die Augen. Auf einmal konnten wir weinen. Wir – ein Staatsanwalt und eine Leitende Bibliothekarin – saßen in dem leeren Wohnzimmer und weinten. Wie dieses Stück Papier augenblicklich das Gleiche in Annemarie auslösen konnte, erstaunt mich noch heute. Aber es war so. Wir, schien mir, beweinten unsere Eltern, unseren Bruder, den unglücklichen Caspar David Friedrich, die Kinder, die nie in ihrem Leben in den Hochgenuss von Kartoffelpuffern mit Apfelmus gekommen waren, nicht zuletzt uns selber – alles und alle. Ich glaube nicht, dass meine Schwester mich je vorher hat weinen sehen, außer als Kind. Dieses gemeinsame Weinen war ein unglaubliches Erlebnis. Noch heute kann ich kaum daran denken, ohne dass ich fast aus dem Konzept falle. Irgendwann standen wir auf, rieben uns die kalten Glieder. Wir warteten nicht, bis der Antiquitätenhändler das Bild gemeinsam mit einigen anderen Sachen abholte. Wir trugen das schwere Ding gemeinsam nach unten und stellten es einfach an einen Baum auf der Straße. Danach betranken wir uns still und feierlich in einer Eckkneipe. Man hielt uns für ein altes Paar. Wir taten nichts, um diesen Eindruck zu zerstreuen. Am nächsten Morgen war das „Eismeer“ fort.  

Auf den Friedhof gehe ich fast nie, ich backe sonntags für meine neue Lebensgefährtin, und dabei fühle ich mich überraschend leicht und jugendlich. Alles, was ich von meinen Eltern außer ein paar Fotoalben aufbewahrt habe, ist das vergilbte Rezept, das nach Jahrzehnten hinter dem „Eismeer“ zutage trat. 

© Tanja Dückers